Tag Archives: Nazis

Am Samstag zuerst nach Mitte gegen Fundis und reaktionäre Kapitalismuskritik und dann zum Rigaer-Straßenfest nach Xhain

“17.9. Berlin: Demonstrieren und Blockieren!
Am 17.9. wird wieder der „Marsch für das Leben durch Berlin“ laufen, oder eben auch nicht: Das what the fuck Bündnis ruft dazu auf, den Schweigemarsch zu blockieren. Aber vorher soll es noch eine fette feministische Demo geben: 12 Uhr am Anhalter Bahnhof”

https://no218nofundis.wordpress.com/2016/08/02/17-9-berlin-demonstrieren-und-blockieren/

https://no218nofundis.wordpress.com/

“Aufruf 2016
„Marsch für das Leben“? – What the fuck!
EUER SCHWEIGEN KÖNNT IHR EUCH SCHENKEN! LIEBER FEMINISMUS FEIERN!
Antifeminismus sabotieren! Für körperliche Selbstbestimmung demonstrieren! Christliche FundamentalistInnen blockieren!
Dem Marsch, seinen AkteurInnen und ihrem Gedankengut entschlossen entgegentreten!”

https://whatthefuck.noblogs.org/aufruf2016/

https://whatthefuck.noblogs.org/

Letzte Infos vgl.: https://linksunten.indymedia.org/de/node/190570

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Wer bei der Anti-TTIP Demo vorbeischaut sollte nicht vergessen, daß es nicht passieren darf, sich mit Rechten dort gemein zu machen. Darum gilt es mindestens für einen progressiven antikapitalistischen Block in Berlin zu sein und einen solchen zu bilden. Begründungen dafür gibt es spätestens seit den Auseinandersetzungen rund um die 1.-Mai-Demo (sog. 18Uhr-Demo) 2016 in Xberg ja mehr als zur Genüge.
Über rechte/regressive(stillstehende-bis-rückwärtsgewandte)/reaktionäre (und bisweilen latent (strukturell) antisemitische Kapitalismus)”Kritik”, siehe/vgl. Publikationen der Amadeu Antonio Stiftung zum Thema Antisemitismus:
http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/verschwoerungen-internet.pdf (z.B. S. 50-53 zu “ACTA”)

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/handreichung_antisemitismus_internet.pdf

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/#Antisemitismus

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/

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! Und dann feiern:
Zum Rigaer-Straßenfest am 17.9.2016 in Xhain/Fhain:

http://musikbrauchtfreiraeume.blogsport.de/2016/09/09/17-9-rigaer-strassenfest-zusammen-leben-zusammen-widerstehen/

https://nordkiezlebt.noblogs.org/post/2016/09/07/17-09-festliche-kundgebung-ab-14-uhr-rigaer-strasse/

https://stressfaktor.squat.net/termine.php?tag=17092016

https://linksunten.indymedia.org/en/node/189297

(https://www.facebook.com/events/649086515256871/)

https://nordkiezlebt.noblogs.org/

Und so…
Viel Spaß!

Podiumsdiskussion am 20.11.2012 in Berlin Friedrichshain anläßlich der Ermordung von Silvio Meier durch Neonazis vor 20 Jahren

Podium: Niemand ist Vergessen! – In welcher Form den Opfern rechter Gewalt gedenken?

http://niemandistvergessen.blogsport.eu/files/2012/11/20.nov_podium_JPG_web.jpg

„Niemand ist Vergessen!“
In welcher Form den Opfern rechter Gewalt gedenken?

Podiumsveranstaltung:
am 20. November 2012
um 19.00 Uhr
im Jugend[widerstands]museum (Galiläakirche, Rigaer Str. 9, Berlin-Friedrichshain)

Anlässlich des 20. Jahrestages des Mordes an Silvio Meier wollen wir uns über die Erfahrungen, Perspektiven und Grenzen antifaschistisches Gedenkens, für die Opfer rechter Gewalt auseinandersetzen: In welcher Form wollen wir den Opfern rechter Gewalt gedenken? Reichen Gedenksteine und Demonstrationen aus? Welche Fallstricke und Erfahrungen gibt es in der Praxis? Wie können wir den Kampf um die Erinnerung an die Ermordeten gemeinsam führen?

Dazu werden verschiedenen ReferentInnen diskutieren:
- Ulla Jelpke (MdB, Die LINKE)
- Dirk Stegemann (VVN-BdA Berlin)
- Antifaschistische Linke Berlin (ALB)
- Initiative „Niemand ist vergessen!“ (INiV)
- Tolerantes Eberswalde (TE)

Kompletten Ankündigungstext lesen

http://niemandistvergessen.blogsport.eu/?p=1877

Veranstalter_innen:
North East Antifascists (NEA), Antifaschistische Linke Berlin (ALB), Helle Panke, VOSIFA Unterstützt durch: Siempre Antifascista

Am 21. November 2012 jährt sich die Ermordung des Berliner Hausbesetzers und Antifaschisten Silvio Meier zum 20. Mal. Der Mord an Silvio reiht sich ein in eine Welle offen rechter Gewalt, die sich über die kompletten 90er Jahre erstreckte und deren Massentauglichkeit in den Pogromen von Mannheim, Rostock und Hoyerswerda deutlich wurde. Seit dem hat sich einiges im Umgang mit Opfern rechter Gewalt geändert: Eine gewisse Sensibilisierung für rechte Gewalt und deren Folgen ist erkennbar. Auch die gesellschaftliche Breite von Protesten gegen Neonazigroßveranstaltungen wie in Dresden markiert einen Unterschied zu den 90er Jahren…
An der Tatsache jedoch, dass kontinuierliche Gedenkarbeit so wie die Bemühung um Gedenksteine oder –tafeln weiterhin antifaschistischen Basisinitiativen vorbehalten bleiben, hat sich nichts geändert. Gerade diese Initiativen sehen sich oft mit politischen und institutionellen Hürden konfrontiert. Je randständiger die Gegend, je „unpopulärer“ die Opfergruppe, desto größer die kollektive Ignoranz gegenüber der Forderung nach einem würdigen Gedenken. Auch die zahlenmäßige Beteiligung an jenen Gedenkveranstaltungen hält sich leider oft in Grenzen.

Anlässlich des den 20. Jahrestages des Mordes an Silvio wollen wir uns über die Erfahrungen und Perspektiven im Kampf gegen das Vergessen auszutauschen:
In welcher Form wollen wir den Opfern rechter Gewalt gedenken? Reichen Gedenksteine und Demonstrationen aus? Welche Fallstricke und Erfahrungen gibt es in der Praxis? Wie können wir den Kampf um die Erinnerung an die Ermordeten gemeinsam führen?

Zu den Referent_innen:

- Ulla Jelpke (MdB, Die LINKE)
setzt sich seit den frühen 90ern für die Aufarbeitung rechter Morde und gegen die Beschönigung der Opferstatistiken ein.

- Dirk Stegemann (VVN-BdA Berlin)
engagiert sich in zahlreichen antifaschistischen Bündnissen und ist aktiv im Kampf um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus (u.a. Denkmal an die Kindertransporte an der Friedrichstraße, Gedenkort Rummelsburg)

- Antifaschistische Linke Berlin
beteiligt sich seit vielen Jahren an der Vorbereitung der Silvio-Meier-Demo und ist Mitinitiatorin der „Initiative für ein aktives Gedenken“ zur Benennung einer Straße nach Silvio Meier.

- Initiative „Niemand ist vergessen!“
Dieter Eich wurde im Mai 2000 von vier jungen Neonazis im Berliner Stadtteil Pankow-Buch auf Grund seiner Erwerbslosigkeit ermordet. Die Initiative organisiert jährlich das Gedenken an Dieter Eich und strebt perspektivisch einen Gedenkstein in Buch an.

- Tolerantes Eberswalde
Amadeu Antonio wurde im November 1990 in Eberswalde von Neonazis totgeprügelt. Obwohl eine der bekanntesten politischen Stiftungen seinen Namen trägt, mag es in Eberswalde nicht gelingen eine Straße nach Amadeu Antonio zu benennen. Die Koordinierungsstelle für Toleranz Eberswalde setzt sich aktuell für eine solche Straße ein.

http://niemandistvergessen.blogsport.eu/?p=1877

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Heraus zum Silvio-Meier-Gedenken 2012:

Silvio-Meier-Mahnwache: Mo. – 21. November – 17 Uhr – U-Samariter Str., Frankfurter Allee, Fhain.
Silvio-Meier-Demo: Sa. – 24. November – 15 Uhr – U-Bhf. Samariter Str., Frankfurter Allee, Fhain.

www.silvio-meier.tk

Enough is enough …

Chumbawamba – Enough is enough

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www.antifa-fh.de.vu

http://antifhain.herobo.com/plakat_angriff_frankfurter.pdf

Chronik: http://freeweb.dnet.it/antifhain/chronik.htm

“In Berlin Friedrichshain geschehen antisemitische, rassistische und faschistische Übergriffe. Um in Zukunft zusammen geeignet dagegen vorgehen zu können müssen diese Aktivitäten dokumentiert werden. Viel zu oft werden Übergriffe in kleinem Rahmen weitererzählt und geraten bald wieder in Vergessenheit. Darum: schickt uns eure Informationen zu Übergriffen, Sprühereien und Treffpunkten der rechten Szene in Friedrichshain an: antifa – fh @ riseup . net

Seit März 2009 gibt es auch in Friedrichshain eine Registerstelle. Das Register erfasst Ereignisse mit rassistischem, extrem rechtem, antisemitischem oder homophobem Hintergrund in Friedrichshain, die von Anlaufstellen und Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils gemeldet werden. Bitte meldet euch auch bei dem Register, da es auch zuverlässig für Veröffentlichung und Nutzung der Chronik in verschiedenen Bereichen sorgt. www.register-friedrichshain.de

Racist, fascist and anti-semitic attacks occur in Berlin-Friedrichshain again and again. Often information about attacks is not passed on or made public. As anti-Nazi activists we are vigilant of local Nazi activities in order to oppose them and to stop their networks growing. Please contact us if you observed or experienced attacks or other Nazi activities or if you know about Nazi meeting points. If you have informations contact us: antifa – fh @ riseup . net”

http://antifa-fh.de.vu/

25.8. – The truth lies in Rostock … (1992-2012)

“12. Juni 2012 Antifa: Norden

20 Jahre Pogrom von Rostock

Im August 2012 jährt sich das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen zum 20. Mal. Eine bundesweites Bündnis will unter dem Motto »20 Jahre nach dem Porgom von Rostock Lichtenhagen – Das Problem heißt Rassismus!« Ereignisse von 1992 nachbereiten und aktuelle rassistische Diskurse, so wie die bundesdeutsche Flüchtlingspolitik kritisch thematisieren.
Mehr Infos: lichtenhagen.net & rassismus-toetet.de

Bundesweite Demo im Gedenken an Pogrome von Lichtenhagen
Samstag 25.08.2012 | 11 Uhr, Kundgebung | Rostock-Stadtzentrum
Samstag 25.08.2012 | 14 Uhr, Demo | S-Bhf. Rostock Lütten Klein

Weiter Lesen

http://www.antifa.de/cms/

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Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen (22. – 26. August 1992)

August 1992: 400 Menschen, vor allem aus Rumänien, kampieren vor der überfüllten Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZaSt) im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen, geflohen und auf der Suche nach einem besseren Leben. Auf Grund mangelnder Unterkünfte oder sanitärer Anlagen mussten die Asylsuchenden unter freiem Himmel schlafen und dort auch ihre Notdurft verrichten.

„Wenn wir weitere Unterkünfte zur Verfügung stellen, kommen noch mehr Asylsuchende. Das zeigt die Erfahrung.“ entgegnete der damalige Rostocker Innensenator Peter Magdanz auf die Bitte für die Flüchtlinge endlich menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen. Flüchtlingen und Migrant_innen die Hilfe zu verweigern, ja sogar alles in Bewegung zu setzen, damit diese sich auch ja nicht „vor der eigenen Haustür“ niederlassen, war zu dieser Zeit Communsense – Deutschlandweit, in allen Schichten, in fast allen politischen Spektren.

Da es eben keine deutschen „Volksgenossen“ waren, die dort Not litten, sondern Roma, wurde ihnen nicht Hilfe, sondern der „deutsche Volkszorn“ zu Teil. Bereits Anfang August zeichnete sich ab, dass organisierte Neonazis, in Tateinheit mit anderen Vollstreckern des „Volkswillens“, Angriffe auf die ZaSt und deren Insassen planen. Und so kam es letzten Endes. Nach mehrtägigen Angriffen war es dem Mob gelungen die Flüchtlinge aus dem Viertel zu jagen. Anschließend griffen Neonazis, rechte Jugendliche und „anständige Deutsche“ mit Steinen und Brandsätzen die nahegelegene Wohnunterkunft vietnamesischer DDR-Vertragsarbeiter_innen an – unter dem frenetischen Jubel von rund 2500 Bürger_innen. Statt Hilfe zu erhalten, wurden die 115 Vietnames_innen abgeschoben, ebenso die Flüchtlinge aus Rumänien.
Der Rassismus der Straße kam der CDU/CSU gelegen, hatte sie doch seit den 80er Jahren immer wieder Anstrengungen unternommen das bundesdeutsche Asylgesetz so zu verändern, dass die Möglichkeit in Deutschland Asyl zu erhalten de facto verunmöglicht wird. Die Deutschen seien von der „Asylflut“ überfordert, eine Änderung des Asylgesetzes sei darum dringend notwendig. Andernfalls würde sich Ähnliches wiederholen, so CDU und SPD. Die Pläne zur Gesetzesänderung lagen bereits in der Schublade, eine Kampagne gegen Asylbewerber_innen war im vollen Gange und Lichtenhagen wurde zynischer Weise als letztes Argument für die Abschaffung des alten Asylrechtes herangezogen. Jene Änderung wurde im Juni 1993 letzten Endes vollzogen.

Rassistische Zustände
Rassismus ist ein sehr reales, alltägliches Herrschaftsverhältnis, mit Hilfe dessen eine weiße Mehrheitsgesellschaft eine Minderheit entlang rassifizierter oder ethnisierter Grenzen diskriminiert – kulturell, politisch und wirtschaftlich, sie dadurch an der Teilhabe an gesellschaftlichen Bereichen ausschließt. Billiges Brot beim türkischen Bäcker, billige polnische Putzfrauen – die weißen Deutschen profitieren vom Rassismus. Zum anderen ist der Rassismus in Deutschland der Kitt der Leistungsgesellschaft: Um sich selber dadurch im alltäglichen Rennen, Rackern, Rasen des kapitalistischen Konkurrenzwettbewerbs als völkischer Blut-und-Boden-Bund überlegen fühlen zu können, braucht der_die Rassist_in einen Nagel für sein Kreuz. Wenn er oder sie als Mehrheitsdeutsche_r schon keine Anerkennung als Arbeitskraftunternehmer_in findet, bringt der Rassismus vielleicht Abfuhr für den alltäglichen Frust. Und das am besten im Rahmen nationalistischer Hegemonialansprüche. Deswegen gehören Nationalismus und Rassismus wie Pech und Schwefel zusammen.
Die rassistischen, meist massenhaften, Angriffe auf nichtdeutsche Menschen und die Asylgesetzesänderung 1993 können nicht losgelöst voneinander gesehen werden. Beide bedingen sich gegenseitig und sind Teil des rassistischen, deutschen Mehrheitskonsens. Und dieser hat Kontinuität. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit dokumentiert die Antirassistische Initiative Berlin seit 1993 die Folgen bundesdeutscher

Flüchtlingspolitik:
15 Flüchtlinge starben durch rassistische Angriffe auf der Straße, 67 bei Bränden und Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. 175 Flüchtlinge starben auf dem Weg in die BRD, davon 131 an den deutschen Ost-Grenzen, 154 Flüchtlinge töteten sich angesichts drohender Abschiebung oder auf der Flucht vor dieser, 858 versuchten sich umzubringen oder verletzten sich aus Angst oder Protest gegen ihre Abschiebung, 488 Flüchtlinge wurden nach der Abschiebung in ihren Herkunftsländern misshandelt und gefoltert oder starben an Krankheiten, 31 kamen um.

(http://www.anti-rar.de/)

Allein im vergangenen Jahr wurden 7.917 Menschen, die versuchten einzureisen, abgeschoben. Das „Ausländer raus!“-Versprechen wurde von den deutschen Volksparteien spätestens seit 1993 weitaus eloquenter und geräuschloser umgesetzt als es Neonazis und Rechtspopulist_innen bisher zu leisten vermochten. So kam beispielsweise die Initiative für ein Minarettverbot, nach Schweizer Volkspartei-Vorbild, hierzulande als erstes von der CSU.

Das Gestern im Heute begreifen
Rostock war kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für das rassistisch-nationalistische Gesellschaftsklima der 90er Jahre. Allein 1992 kam es fast zu 2000 Angriffen auf Asylbewerber_innen, viele davon auch auf deren Wohnunterkünfte. Mölln, Solingen, Lübeck und Hamburg sind vielen Menschen in diesem Zusammenhang noch ein Begriff, jedoch sind die meisten dieser Ereignisse aus dem kollektiven Geschichtsbewußtsein verschwunden.

Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Mannheim-Schönau nehmen in diesem Kontext eine Sonderrolle ein, da es nicht allein Neonazis waren, die sich anschickten nichtdeutsche Menschen zu lynchen, sondern weil es vor allem brave Bürger waren, die diese Exzesse aus Nationalismus und Gewalt erst zu völkischen „Massenevents“ werden ließen. Die Angriffe in Mannheim-Schönau sind auch ein Beleg dafür, dass es eben nicht organisierter Neonazis bedarf um gegen Migrant_innen vorzugehen, sondern dass dies „die normalen Deutschen“ auch allein bewerkstelligt bekommen. Diesen drei Ereignissen ist jedoch gemein, dass lokale Medien und politische Akteure es tunlichst vermeiden von einem Pogrom zu sprechen. Auch heute noch werden diese Ereignisse als „Ausschreitungen“ oder „Krawalle“ euphemisiert. Gern wird deren Klassifizierung als rassistisch von offizieller Seite gemieden, maximal wird von „Fremdenfeindlichkeit“ gesprochen.

„Ich teile diese Bezeichnung für die Ereignisse von 1991, sie als Pogrom zu bezeichnen, nicht“, entgegnete Hoyerswerdas Bürgermeister Skora der Hoyerswerda-Gedenkinitiative „Pogrom91“ im vergangenen Jahr. Die Demo und ihr Anliegen, sei lediglich das Werk „Auswertiger“ und „Extremisten“. Ehemalige Betroffene des Pogroms und Antifaschist_innen wurden 2011 erneut bedroht und die Gedenkarbeit von offizieller Seite verusucht zu unterbinden. „Mit dem Aufwühlen der alten Geschichten“ endlich aufzuhören, dass forderte auch Wolfgang Engelmann, der ehemalige Bürgermeister von Mölln, 15 Jahre nach dem bei einem Brandanschlag drei Mitglieder der Familie Arslan umkamen.

Das „schlechte Image“ loswerden war nicht nur zum 20. Jahrestag der Pogrome von Hoyerswerda oberste Handlungsmaxime der lokalen Politik, sie ist es auch in Rostock. Hier schickt sich eine Melange aus Stadt und lokalen Initiativen an, um das „schlechte Image“ Lichtenhagens abzustreifen oder zumindest mit etwas mehr demokratischem Lack zu überpinseln. Der Umgang mit der eigenen Geschichte wurde und wird hier als reine Standortfrage verhandelt.

Und so geht auch heute der Lerneffekt gen Null. Noch immer werden die Geschehnisse nicht als das bezeichnet was sie waren – nämlich ein Pogrom – noch immer werden Antifas verfolgt, weil sie das tun, was eigentlich die Demokraten machen müssten: Nämlich Rassismus konsequent zu ächten. Und noch immer verwehrt Deutschland Hilfesuchenden die Einreise.

Erinnern heißt Kämpfen!
Der zwanzigste Jahrestag des Pogroms von Lichtenhagen wird medial fokussiert werden. Welches Gewicht die Folgen der Asylgesetzänderung, die Situation von Flüchtlingen und Migrant_innen oder die oft reaktionäre Aufarbeitungspolitik der Ereignisse in der Berichterstattung bekommt, können wir nicht ermessen.

Mit der Kampagne „Rassismus tötet!“ wollen wir diese Themen auf die politische Agenda setzen. Uns geht es aber auch darum die Frage aufzuwerfen: „Wo steht die Gesellschaft und die radikale Linke 20 Jahre nach Rostock? Was hat sich geändert?“. Nützlichkeitsrassismus und Sozialchauvinismus („Sarrazin-Debatte“) feiern gerade im Zuge der Krise fröhliche Umstände. Die Debatte um die Transformation von Rassismus und dessen Nutzen im kapitalistischen Normalvollzug werden darum wichtiger Bestandteil der Kampagne sein.

„Erinnern heißt Kämpfen!“ ist für uns darum keine bloße Phrase, sondern Handlungsmaxime. Es geht darum bestehende antirassistische Kämpfe u.a. gegen Lagerunterbringung, Flughafenasylverfahren oder Residenzpflicht zu unterstützen und mit dem Kampf um die Erinnerung an die Pogrome und die Gesetzesänderung 1993 zu verbinden. Gleiches gilt für den Widerstand gegen die öffentlichen Inszenierungen von Leistungsideologie und rassistischer Ausgrenzung. Den alten und neuen Tätern gilt unser Kampf, den Opfern der rassistischen Verhältnisse gilt unsere Empathie!

Mit einem Land, in dem Menschen in Polizeizellen verbrennen, weil sie nicht weiß sind, in dem Menschen von Rassist_innen totgeschlagen werden und deren Angehörige nur Hohn ernten, in einem Land, dass Flüchtlinge an den europäischen Außengrenzen verrecken lässt und ihnen das Leben hierzulande zur Hölle macht, werden wir keinen Frieden schließen!

Kein Mensch ist illegal!

Gegen den rassistischen Konsens!

Kein Frieden mit Staat, Kapital und Nation!

(Kampagne »Rassismus tötet!«)

http://www.antifa.de/cms/content/view/1910/1/

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20 JAHRE ROSTOCK LICHTENHAGEN [DEMO 25.08.2012] – NICHTS IST VERGESSEN!

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http://www.lichtenhagen.net/

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The Truth Lies in Rostock – Doku Deutsch

Stichpunkte vom Offenen-Antifa-Cafe im Vetomat am 20.10.2011, Thema: Neues Buch zur Wehrmachtsdebatte

Vorgestellt und kritisch besprochen wurde das Buch von Sönke Neitzel und Harald Welzer: “Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben”. In diesem werten die zwei früher geheime Abhörprotokolle, der Alliierten, von in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten sozialwissenschaftlich aus und stellen bedenkliche (sozio- und psychologische) Vergleiche mit modernen Kriegen an.
Dazu wurden Auszüge aus dem Buch vorgelesen und anschließend kritisch kommentiert.
Es ging dabei u.a. um die Frage des eigenen Bewusstseins der deutschen Soldaten der Wehrmacht für Kriegsverbrechen, z.B. nach der “Haager Landkriegsordnung” von 1907, aber auch um ihre allgemeinen Moralvorstellungen. Wobei der Sonderfall (der “deutsche Sonderweg”) unabhängig vom sog. Kriegsrecht zu berücksichten ist.
Leider ging es in dem Buch, wie von der Antifa auch schon angekündigt, weniger um die Besonderheit der deutschen NS-Ideologie, die laut dem Buch für die Verbrechen und Vergehen angeblich keine tragende Rolle spielte. Vielmehr wurde der verschroben konditionierte “Sportsgeist” und Ehrgeiz der Wehrmachtssoldaten zunächst durch Zitate in den Vordergrund gestellt. Dabei fiel sofort auf, daß die geheim abgehörten Soldaten in ihren Gesprächen während der Gefangenschaft z.T. mehrmals in wenigen Sätzen die Worte “Spaß” bei der Beschreibung eindeutiger Mordtaten benutzten. Das sollte nicht (allein) als verrohter Sprachgebrauch von “unpolitischen” Auftragstätern oder von Männern in Gefangenschaft verharmlost werden.
Die Antifa Friedrichshain (AFH) schreibt dazu in ihrer Ankündigung: “Sönke Neitzel / Harald Welzer kommen schließlich nach Betrachtung der Soldatengespräche zu einer provokanten These: Die nationalsozialistische Ideologie habe danach eine weit geringere Rolle für das Morden der deutschen Soldaten gespielt als dies bislang in der Wissenschaft vertreten wurde. Einzige Ausnahme [sind] die Massenerschießungen an jüdischen Zivilisten.”
Es wurden bei den Kriegsverbrechen der Wehrmacht auf vereinfachte Ansichten – von “einfachen Leuten” – und Bemerkungen hin zu einem Sportkult gemacht und auf das Denken des sog. Berufsethos, des unbedingten Gehorsams, der Disziplin, “Soldatenehre” und Autoritätsgläubigkeit verwiesen.
Die heutigen friedrichshainer AntifaschistInnen fanden das zwar auch sehr problematisch, jedoch konnten sie an dem Abend keine genauere Erklärung für die Vorgehensweise der im Buch beschriebenen, abgehörten, Soldaten, z.B. beim Abschuß von Wohnhäusern, Autos und Menschen der britischen Zivilbevölkerung geben, als daß die Soldaten in der Absicht handelten alle mit dem “Feind” kollaborierenden gleich zu töten und wie aus dem Buch zitiert wurde dem “Spaß”, bzw. der höheren Abschußquote wegen handelten, um möglichst schnell das Ritterkreuz zu bekommen (“positive Konditionierung durch Orden”), bevor der Krieg vorbei gewesen wäre. Vor dem zweiten Weltkrieg habe es ca. zehn, nach dem Krieg ca. 35 Orden gegeben.
Sehr grausam waren zunächst die Zitate der Schilderungen der Soldaten von ihren eigenen Kampfaktionen. Als der Befehl gekommen sei Notabwürfe zum abdrehen zu machen berichteten ehemalige NS-Bomberpiloten Wasserminen auf Häuser geworfen und NS-Jagdflieger panzerbrechende (“zwei Zentimeter”) Bordkanonen frontal auf Autos gerichtet zu haben. Ging es ihnen dabei nur um Trophäen und Abschußzahlen anstelle der aus Ihnen sprechenden Vernichtungsideologie? Was ist mit dem Vernichtungswillen gegen “alles Volksfeindliche”?
Später wurde dann zunehmen, durch die Buchauszüge festgestellt wie grausam, abgestumpft und kaltblütig die Soldaten vorgingen und sich selbst zu den Taten der SS verhielten. Die öffentlichen Massenerschießungen kritisierten sie laut den Protokollen nur dann wenn sie ihnen selbst zu nahe kamen oder z.B. das “Leichenwasser” aus den Massengräbern das Grundwasser erreichen könnte, d.h. ihre eroberten Tiefbrunnen (im Osten) zu vergiften drohte.
Sie gaben der SS dazu z.B. selbst den Rat die Erschießungen doch besser in den weiter entfernten Wäldern, anstatt am Stadtrand vorzunehmen.
Einzelne Soldaten beklagten sich bei der Transportaufsicht von russischen Kriegsgefangenen nicht über die unmenschlichen Bedingungen, sondern darüber mit ansehen zu müssen wie sich die Gefangenen “wie Tiere” – aufgrund der schlechten Bedingungen – verhielten, selbst zerfleischten oder gegenseitig aufaßen, nachdem ihre entkräfteten Kampfgefährt(Inn)en von der NS-Zugbewachung erschossen/ermordet wurden.
Das Verhalten an der Ostfront ist dabei viel härter als an der ruhigeren Westfront gewesen. PartisanInnen und Aufständische, sowie GegnerInnen, sind auf grausamste Weise hingerichtet und massakriert worden, das belegen die Protokolle auf genauso eindrückliche Weise, wie daß die Wehrmachtsangehörigen alle bestens über die Massenmorde an den JüdInnen und Anderen bescheid wussten.
Interessant waren auch andere anekdotenhafte Gesprächsauszüge über den Führerkult (“Was der Adolf für einen tollen Schädel hat”) und die Enttäuschung des Führerglaubens gegen Kriegsende. Dazu wurde auch die tausendfache “Fanpost” die Hitler “aus dem Volk” erhalten haben soll erwähnt.
Die Wehrmachtssoldaten hatten allerdings vielfach die Ideologie des totalen Krieges in sich aufgenommen. So sprachen sie in den Zitaten ihrer Berichte von der “Ostfront” sehr wohl davon, daß es dort gegen Ende nur noch um “moralische Gewinne”, nicht mehr um “Geländegewinne” gegangen sei.

In anbetracht solcher revisionistischer Debatten wie damals (’98/99) um die Wehrmachtsausstellung ist es trotz und gerade wegen aller Kritik sehr wichtig solche Bücher zu besprechen.
Das Buch hat laut der Antifa Fhain viele wichtige und damit gute Seiten der Auswertung der Zitate als Primärquellenbelege zu bieten. Allerdings ist es in seinen wertenden Urteilen, zwischen den Zeilen, sehr kritisch zu lesen und zu betrachten.
Außerdem sei der regressive Gehalt in der vergleichenden Darstellung zu modernen Kriegen, wie dem Vietnam- und zum Irakkrieg sehr kritisch zu begutachten, äußerte ein Gast.
In ihrer Schlußfolgerung und dem Fazit äußerte sich davor und danach auch die Vertreterin der AFH entsprechend; daß das Buch besser für antimilitaristische Positionen sei, denn für die direkt antifaschistische Sicht schon sehr bedenklich ist.
Es sei leider “ein negativer Beitrag für die laufende Debatte” – in der sich der Geschichtsrevisionismus nicht nur rechts von sog. Vertriebenen- und Heimatverbänden, sondern auch von Seiten der Bundesregierung und Landesregierungen (vgl. z.B. den profitorientierten, privatisierten, Umgang mit ehemaligen Nazigroßbauten), sowie Vertretenden der Verfassungsorgane und Geheimdienste (VS) zuspitzt, wäre dem noch hinzuzufügen.

Ähnliches kennt Mensch ja bereits von z.B. Guido Knopp, Büchern und Filmen. Vgl.: AIB Nr. 64, Herbst 2004, “Ästhetischer Revisionismus” (http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/64/index.php).

Links:

http://www.verbrechen-der-wehrmacht.de/

http://www.verbrechen-der-wehrmacht.de/docs/ausstellung/kundr.htm#

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Haager_Landkriegsordnung

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Wehrmachtsausstellung

http://www.hagalil.com/deutschland/tacheles/m-tach2.htm

http://www.al.uni-koeln.de/info/47/0502.html

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Das Offene-Antifa-Cafe Friedrichshain (OACafe Fh) findet jeden dritten Donnerstag im Monat im Vetomat statt, wird veranstaltet von der Antifa Friedrichshain (AFH) und will auch zu Austausch und Diskussionen anregen. Es soll ein Treffpunkt von und für Antifas sein. Außerdem gibt es immer einen Infotisch und eine kleine Vokü, sowie meistens einen gut vorbereiteten Input.

Kontakt zur Antifa hier im “Kiez”:

http://www.antifa-fh.de.vu/

ANTIFA FRIEDRICHSHAIN (AFH)
POST: AFH c/o Infoladen Daneben, Liebigstr. 34, 10247 Berlin
MAIL: antifa-fh[at]riseup.net PGP-Key: Fingerprint 0C13 3DFF 6A93 25C6 F1AB F9EF 92A5 3E1C DFAC C52F

Neunter November 2011 – 73 Jahre danach… – Gedenken am 9.11. in Moabit

73 Jahre nach der “Reichspogromnacht” [und den vorausgegangenen Taten der nationalsozialistischen Täter*(_Innen)].
Solidarität mit den Opfern des deutschen NS-Faschismus, von Antisemitismus und Rassismus

9.Novemver 2011 – Mittwoch, 17h – Gedenkkundgebung (Mahnwache) und Demonstration in Moabit

Auftaktkundgebung am Mahnmal Levetzowstrasse (Ubhf Hansaplatz, S-Bhf Tiergarten) in Moabit mit der Zeitzeugin Andrée Leusink (geboren am 14. Mai 1938).

Sie überlebte als verstecktes jüdisches Kind den Holocaust in
Frankreich und der Schweiz. Heute ist sie aktiv in der
antifaschistischen Bewegung, darunter den „Child-Survivors-Deutschland – Überlebende Kinder der Shoah“ und der VVN-BdA Berlin-Pankow e.V.. Andrée Leusink ist die Tochter des DDR-Schriftstellers Stephan Hermlin.

Anschließend:
Antifaschistische Demonstration zum Mahnmal an der Putlitzbrücke (S-Bf-Westhafen)

Internetseite: antifa-moabit.de.vu
Link zur Zeitung:

http://www.nadir.org/nadir/initiativ/aim/texte/9.November%20Zeitung%202011.pdf

https://www.facebook.com/event.php?eid=214098115321946

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AUFRUF:

Auftakt zur Vernichtung
Die Gewalt der Novemberpogrome vom 7. -13. November 1938 fand am 9. November ihren vorläufigen Höhepunkt. Überall in Deutschland und Österreich brannten die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden überfallen, demoliert und geplündert. Jüd_innen wurden von deutschen Antisemit_innen gedemütigt und geschlagen, vergewaltigt und ermordet. Etwa 30.000 Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt.
Die Pogrome stellten eine weitere, entscheidende Radikalisierung der antijüdischen Politik des NS-Regimes dar. Bis dahin hatten die Nazis die deutschen Jüd_innen Schritt für Schritt aus der Gesellschaft ausgegrenzt: mit Berufsverboten, Ausschluss aus den Universitäten,
später mit den „Nürnberger Rassegesetzen“ oder der „Arisierung“ jüdischer Unternehmen. Der NS-Antisemitismus wurde nach den Novemberpogromen immer gewalttätiger und gipfelte letztlich in dem Versuch, alle Jüd_innen Europas gezielt und umfassend zu ermorden. Bis 1945 haben die Nazis sechs Millionen Jüd_innen ermordet.

Antisemitismus – Ein stets abrufbares Ressentiment
Antisemitismus ist heute in der deutschen Bevölkerung immer noch weit verbreitet. In den letzten Jahren konnte sogar eine Zunahme von antisemitischen Vorfällen verzeichnet werden. Umfragen zeigen, dass über die Hälfte der Deutschen indirekte oder offen feindliche Einstellungen gegenüber als jüdisch markierten Menschen vertreten. Laut der aktuellen
Heitmeyer-Studie 2010 stimmen 16,4 % der Befragten der Aussage zu, dass Jüd_innen zu viel Einfluss hätten. Außer der Schändung von jüdischen Grabstätten oder von Holocaust- Gedenkstätten gibt es auch Vorfälle, die sich direkt gegen Menschen richten. So zeigte sich bei einem Vorfall im
brandenburgischen Werder im September 2011, daß Antisemitismus auch bei den Enkelinnen und Enkeln der Täter_innengeneration weit verbreitet ist. Mitarbeiter_innen des Jüdischen Museums in Berlin wurden in diesem Jahr bei einem Schulbesuch in übelster Art und Weise antisemitisch beschimpft. Die Schüler_innen meinten u.a., „früher hätte man euch vergast“. Die Äußerungen wurden herunter gespielt und die Lehrer_innen nahmen ihre Schüler_innen in Schutz.
Die neonazistische NPD hingegen macht sich nichts daraus, ihren Antisemitismus zu verbergen. Erst jüngst warb die Partei mit dem Werbeslogan „Gas geben“. Die Plakate hingen über Wochen in der ganzen Stadt, auch vor jüdischen Einrichtungen. Die Partei kann sich nicht nur das Plakat dank der Wahlkampfkostenrückerstattung durch Steuergelder
finanzieren lassen, sondern es auch unter dem Schutz der Polizei aufhängen. Ob offen, wie bei der den NS verherrlichenden NPD oder bürgerlich verdeckt wie in Werder: Es gilt allen Formen des Antisemitismus den Kampf anzusagen.

9.November 2011 – Erinnerung ohne Opfer und Täter_innen?
Mittlerweile hat die Erinnerung an die Ereignisse vom November 1938 und den darauf folgenden Verbrechen der Deutschen ihren Platz in der offiziellen Gedenkkultur gefunden: In beinahe jeder größeren deutschen
Stadt, in vielen Parlamenten und Rathäusern werden am 9. November Gedenkveranstaltungen organisiert. Bis in die 80er Jahre waren es oft nur die jüdischen Gemeinden, kleine kirchliche und antifaschistische Gruppen, die an die Pogrome erinnerten. Inzwischen, da es kaum noch NS-Täter_innen gibt, die zur Verantwortung zu ziehen wären, hat auch das
offizielle Deutschland das Gedenken für sich entdeckt und präsentiert sich europaweit als „Aufarbeitungsweltmeister“. In diesem Kontext ist zum Beispiel auch die jüngste vielgelobte Studie zur braunen Vergangenheit des Auswärtigen Amtes zu sehen. Das Wissen um die NS-Verbrechen ist nun ein fester Bestandteil bundesdeutscher Erinnerungspolitik.
Damit verschiebt sich die Deutungshoheit über die NS-Verbrechen weg von den ehemals Verfolgten und Menschen aus dem Widerstand zugunsten derer, die heute das Gedenken bestimmen. Die letzten Überlebenden der NS-Verfolgung können nicht mehr lange Einspruch gegen Geschichtsrevisionismus oder ihre Vereinnahmung erheben. Antifaschistische Gedenkstätten werden zunehmend zu Orten mit „doppelter Vergangenheit“, an denen ununterscheidbar den Verbrechen des NS und z.B.
den Insass_innen der oft nachfolgenden sowjetischen Speziallager gedacht wird. Eine Gleichsetzung wird damit zumindest nahegelegt. Zugleich wird die Rolle des antifaschistischen Widerstands in den Hintergrund gedrängt
und gerade seine kommunistischen Inhalte und Beweggründe werden mehr und mehr delegitimiert.
Deutschland wehrt auf internationale Ebene Ansprüche von nicht
entschädigten Opfern, zum Beispiel vom Wehrmachtsmassaker in Distomo, vehement ab. Auch die faktische Straflosigkeit für deutsche NS-Täter_innen besteht weiterhin. Viele von ihnen können sogar bis an ihr Lebensende eine Rente in Anspruch nehmen. Nach wie vor werden deutsche Täter_innen, die rechtskräftig wegen Massakern an der Zivilbevölkerung verurteilt wurden, nicht ausgeliefert. Jüngstes
Beispiel ist der in Berlin lebende Helmut Odenwald. Stattdessen geht Deutschland in die Offensive und klagt vor dem Internationalen Gerichtshof staatliche Immunität gegen Entschädigungsklagen für deutsche Kriegsverbrechen von Privatpersonen ein. Die Strategie der zu spät stattfindenden Aufarbeitung bei gleichzeitiger Kostenarmut ist für
Deutschland funktional: Es wird nach außen als anerkannter Partner der „westlichen Wertegemeinschaft“ akzeptiert, nach innen kann sich die deutsche Gesellschaft darauf berufen
und mit der „Geschichte abschließen“.
Notwendige Lehren aus dem Faschismus haben sich nicht durchgesetzt. Am 25. Januar 2009 stellten Überlebende verschiedener Konzentrationslager in ihrem Vermächtnis fest:
„Nach unserer Befreiung schworen wir eine neue Welt des Friedens und der Freiheit aufzubauen: Wir haben uns engagiert, um eine Wiederkehr dieser unvergleichlichen Verbrechen zu verhindern. Zeitlebens haben wir Zeugnis
abgelegt, zeitlebens waren wir darum bemüht, junge Menschen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen und deren Ursachen zu informieren. Gerade deshalb schmerzt und empört es uns sehr, heute feststellen zu müssen:
Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt. (…) Anstatt unsere Ideale für Demokratie, Frieden, Toleranz, Selbstbestimmung und Menschenrechte durchzusetzen, wird Geschichte nicht selten benutzt, um zwischen Menschen [...] Zwietracht zu säen. Wir wenden uns dagegen, dass Schuld gegeneinander aufgerechnet, Erfahrungen von Leid hierarchisiert, Opfer miteinander in Konkurrenz gebracht und
historische Phasen miteinander vermischt werden.“

Antitotalitarismus statt Antifaschismus
Worauf die Lagerkomitees hier anspielen, ist der „antitotalitäre“ Habitus einer gemeinsamen europäischen Geschichtsschreibung, die sich angeblich gegen jeden Extremismus wendet, indem die NS-Verbrechen mit
dem stalinistischen Terror oder Englands Bombenangriffen verglichen bzw. aufgerechnet werden. Dementsprechend forderte 2009 das Europaparlament dazu auf, den 23. August als Gedenktag für die „Opfer aller totalitären und autoritären Regime“ einzurichten. Folgen eines solchen Geschichtsrevisionismus sind zum Beispiel Versuche, jüdische
Partisan_innen in Litauen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen, weil sie gegen Nazis und Kollaborateure ihr nacktes Leben verteidigten. In der Ukraine werden faschistische Kollaborateure zu antisowjetischen Freiheitskämpfern und Patrioten hochstilisiert. In
Deutschland inszeniert der Bund der Vertriebenen deutsche Täter_innen als Opfer, indem er „sämtlichen Vertriebenen in Europa ein Denkmal setzt“. Er vergleicht damit die Umsiedlung der Deutschen in den Jahren 1945/46 mit den Genoziden an den Jüd_innen und Roma. Wo alle unterschiedslos Opfer sind,
gibt es keine Täter_innen und keine historischen Herleitungen mehr.

Antiziganismus – Eine ungebrochene Tradition Neben den Jüd_innen planten die Nazis ebenso für die Sinti und Roma ihre
vollständige Vernichtung. Über 500.000 Roma und Sinti wurden in den Ländern Europas ermordet. Entschädigungszahlungen wurden den in Deutschland lebenden Sinti und Roma lange vorenthalten, in den osteuropäischen Staaten erhielten sie überhaupt nichts. In einer seiner letzten Reden warnte der im September 2011 verstorbene Vorsitzende des Internationalen Auschwitz-Komitees Noah Flug vor der aktuellen bedrohlichen Situation von Roma. Die gewalttätigen Pogrome der vergangenen Monate und Jahre in Tschechien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien
und Italien sowie die rassistische Roma-Politik Sarkozy´s in Frankreich, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in Deutschland Roma unerwünscht sind. Jüngstes Beispiel ist ein Brandanschlag auf ein Mehrfamilienhaus in Leverkusen am 24. Juni. Dort wohnten 19 Sinti und Roma, die sich glücklicherweise retten konnten. Auch die rassistische
Hetze gegen Roma seitens Presse und Politik in Berlin spricht Bände. Immer noch sind 10.000 Roma aus dem Kosovo und Serbien in Deutschland von Abschiebung bedroht. Diesen Menschen eine sichere und vorbehaltslose Aufenthalts- und Lebensperspektive zu ermöglichen, wäre aufgrund der deutschen Geschichte das Mindeste. Das ist eine berechtigte Forderung von Sinti
und Roma, die von Deutschland bis heute nicht eingelöst wird.

Hoyerswerda 2011 – Antifaschistisches Gedenken unerwünscht
Vor 20 Jahren entfachte der nationalistische Taumel infolge der „Wiedervereinigung“ das rassistische Pogrom in Hoyerswerda im September 1991. Unter den Augen der Polizei und unter Beifall der Einwohner_innen wurden afrikanische und vietnamesische Vertragsarbeiter_innen und Flüchtlinge von einem Mob aus Nachbar_innen und angereisten Neonazis zusammengeschlagen, durch die Straßen gehetzt und in ihren
Wohnheimen umzingelt. Sie wurden schließlich aus der Stadt evakuiert. Neonazis erklärten Hoyerswerda triumphierend zur „ausländerfreien Stadt“. Es folgten die [Mordversuche, Ausschreitungen] und Mordanschläge von Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln. Kurz nach der darauf folgenden faktischen Abschaffung des Rechts auf Asyl 1993 kam es zu einer weiteren
Welle von rassistischen Übergriffen. Gleichzeitig wurden zahlreiche jüdische Friedhöfe geschändet.
Zum diesjährigen Jahrestag wurden ehemalige Vertragsarbeiter_- innen und Opfer der damaligen [nachtlangen Brandschatzungen durch deutsche Neonazis] in Hoyerswerda wieder rassistisch beschimpft und bedroht. Das antifaschistische Gedenken wurde von Neonazis massiv
gestört. Hoyerswerdas CDU Bürgermeister Skora beschrieb die Lage unfreiwillig sehr treffend: „Ich wehre mich dagegen zu sagen, dass sich bei uns nur die Rechten wohlfühlen“ sagte er in einen Radiointerview im Deutschlandfunk. Während also Nazis scheinbar zur Bevölkerung dazu gehören, werden Antifaschist_innen als von außen kommende „Nestbeschmutzer_innen“ diffamiert. Diese Vorfälle stehen symptomatisch für die Kontinuität rassistischer Zustände.

Israel – Staat der Überlebenden des Holocaust
Der kürzlich verstorbene Vorsitzende des Internationalen
Auschwitz-Komitees Noah Flug berichtete, dass noch über 200.000 Überlebende des Holocaust in Israel leben: Unter ihnen viele Überlebende der Konzentrationslager, des Partisan_innenkampfes sowie Menschen, die sich oft jahrelang vor den Nazis verstecken mussten. Israel wurde
während und nach dem Zweiten Weltkrieg Zufluchtsort für diejenigen, die sich dem mörderischen Zugriff des Nationalsozialismus entziehen konnten.
Unter den Kämpfenden des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948 war auch ein sehr großer Teil von Menschen, die den deutschen Faschismus überlebt hatten. Antifaschistische Organisationen wie der VVN begrüßten damals die Gründung des Staates Israel als einen notwendigen Schritt zur Schaffung eines Ortes, wo es keine antisemitische Ausgrenzung und
Morddrohungen mehr geben sollte. Die [USA und die] Sowjetunion, aber auch viele andere Staaten, in denen die Nazis gewütet hatten, erkannten Israel kurz nach dessen Gründung an und lieferten Waffen zu dessen Verteidigung. Über 60 Jahre später muss Israel weiterhin gegen weltweite
Delegitimierungsversuche und politische Bewegungen in seinen
Nachbarländern kämpfen, die dem jüdischen Staat jegliche
Existenzberechtigung absprechen. Diese Anfeindungen fordern eine solidarische Empathie von Antifaschist_innen. Dies bedeutet keine kritiklose Zustimmung zur israelischen Regierungspolitik. Es ist darauf zu achten, dass keine pauschalen Urteile gefällt, Israel nicht dämonisiert oder Doppelstandards angelegt werden.

All diese Entwicklungen verleihen der Erinnerung an den [Gipfel der antisemitischen Pogrome in Nazideutschland und die Nacht von] 1938 erschreckende Aktualität und Notwendigkeit. Dem Gedenken an die deutschen NS-Verbrechen auch weiterhin Gehör zu verschaffen sowie Konsequenzen daraus einzufordern, bleibt die wichtigste Aufgabe für alle
Antifaschist_innen.
Der ehemalige Vize-Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, Emil Carlebach, brachte es anlässlich der
Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Befreiung auf den Punkt: „Zu Frieden und Freiheit aber gehört auch die Tradition des Kampfes gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und Herrenmenschentum. In diesem
Kampfe waren wir vereint, in diesem Kampfe bleiben wir vereint.“
In diesem Sinne hoffen wir, möglichst viele von Euch am 9. November auf der Gedenkdemonstration in Moabit zu sehen.

Antifaschistisches Bündnis Süd-Ost,
Autonome Neuköllner Antifa,
Antifaschistische Initiative Moabit, 2011
[Editet by GjAnmDuFdK]

Im Andenken an Noah Flug, den Vorsitzenden des Internationalen
Auschwitz-Komitees (geboren am 1. Januar 1925 in Łódź, Polen, gestorben am 11. August 2011 in Jerusalem).


Antifaschistische Initiative Moabit [AIM] – Berlin a_i_m [at] gmx [dot] de – http://www.antifa-moabit.de.vu – Mitglied in der Berliner VVN-BdA

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Zitiert und Verändert nach der E-Mail aus dem Newsletter Kompetente Netzwerke des:
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“Gegen jeden Antisemitismus – nieder mit Deutschland – und für den Kommunismus!”